Eine Zeitreise durch Pasing, Obermenzing und Aubing
Die Storchenburg
Vom Ritter, der in Pasing eine Burg besaß


Nein, die Geschichte spielt nicht zur Ritterzeit, sondern wesentlich später. Vor gut 100 Jahren (1897) erbaute kein geringerer als August Exter ein repräsentatives Entreé zur Pasinger Neustadt, wie die erste Villenkolonie auch genannt wurde - die Storchenburg.

Am 7.12.2000 jährt sich zum 67sten Mal der Todestag von August Exter, dem Gründer der Pasinger Villenkolonien und damit treibende Kraft bei der Entwicklung Pasings zur Stadt. Wir nehmen diesen Tag zum Anlaß, ein paar Sätze über sein Lebenswerk zu schreiben und die Geschichte der Storchenburg zu erzählen. Direkt auf der Nordseite des Pasinger Bahnhofs entstand dieses prachtvolle Gebäude im neuromanisch-gotischem Baustil. Den architektonischen Merkmalen [Erkern, Treppengiebel, Giebelreiter, Türmchen und Balustraden] und dem vorsorglich aufgesetztem Storchennest auf des Turmspitze verdankt das Werk seinen Namen.
Die Storchenburg 1897, kurz nach ihrer Fertigstellung

Erster Besitzer des stolzen Bauwerks, das Zugreisende aus nächster Nähe bewunderten, war die Münchner Spaten Brauerei.
So wurde die Storchenburg schon bald zu einer namhaften Gaststätte mit großem Biergarten.
Nicht nur Ausflügler genossen die Idylle unter Kastanien, auch für Einheimische wurde die Gaststube "Storchenburg" zum zweiten Zuhause. Am 6.August 1903 gründeten 40 sportbegeisterte Pasinger den heute noch aktiven Arbeiter-Turn-Verein Sportfreunde 03 Pasing.

1912 suchte Franz Ritter, einen Firmen- und Wohnsitz für sein junges, florierendes Unternehmen zur Produktion von "Messerputzmaschinen" und seine fünfköpfige Familie. Für 90.000 Mark kaufte Franz Ritter Senior das komplette Gelände nördlich der Gleise bis zum damaligen Marktplatz (heute Wensauerplatz) und von der August-Exter-Straße bis zur Oselstraße, die südlicher verlief. Auf dem Areal befand sich ein großes Fabrikgebäude, der bis 1912 ansässigen Schuhleistenfabrik, und die wunderschöne Storchenburg mit großem Garten. Auch wenn sich die Familie und das junge Unternehmen F.Ritter & Sohn mit dem vollen Kaufpreis verschulden mußte, hätte es keine idealere Lösung für Franz Ritter geben können.
Die Messerputzmaschine war, genau wie die Flaschenreinigungsanlage, die nun ebenfalls in der Fabrik produziert wurde, eine Erfindung von Franz Ritter selbst und die Firma Ritter lag mit der Produktion von Maschinen, die das Leben leichter machten, voll im Trend der Automatisierung. Entsprechend erfolgreich entwickelte sich der Betrieb und die Schulden waren schon nach kurzer Zeit beglichen.

Franz Ritter beim Genuß einer selbstgebrautens Maß BierFranz Ritter Senior war aber nicht nur Geschäftsmann, sondern auch Genießer. Auf seiner frühen Lehr- und Wanderjahren lernte er unter anderem auch die Kunst des Bierbrauens, und dieser Kunst widmete er sich nach Feierabend mit Feunde und Genuß. Er erfüllte sich in der Storchenburg sogar den Traum von einer eigenen Brauerei. Der geniale Erfinder funktionierte kurzerhand das Waschhaus der Villa zum Sudhaus um, führte einen Bierhahn durch´s Mauerwerk nach draussen und zapfe dort vom "Mutterfaß" jeden Abend sein selbstgebrautes Bier.

Es war für F. Ritter auch selbstverständlich, daß die Storchenburg im Erdgeschoss ihre öffentliche Gaststube beibehielt und der Biergarten auch weiterhin zur Freunde vieler Ausflügler und Stammgäste geöffnet war. Im ersten Stock der riesigen Villa befanden sich von nun an die Büroräume der Firma, im zweiten Stock lebte Familie Ritter (ein Sohn von Franz Ritter mit Familie) und im dritten Stock wohnten Bedienstete der Gaststätte. Ganz oben im Turm befand sich eine Turmstube, von der aus die Blicke weit über die Dächer Pasings hinweg schweifen konnten. Leider wurde dieser Raum nur sehr wenig genutzt, obwohl unter dem Einfluß der Neugier und Faszination die Kinder vielleicht doch manchmal hinaufschlichen, nur um in die Ferne zu sehen - ich hätte es bestimmt getan.

Die Geschichte der Storchenburg kann nicht erzählt werden, ohne auch die schlechten Zeiten zu erwähnen. Schon drei Jahre nach der Eröffnung der Firma Ritter wurde diese verpflichtet Granaten für den ersten Weltkrieg zu bauen. Im Krieg blieben einige Familienmitglieder an der Front zurück (in Pasing starben durch den ersten Weltkrieg 260 Männer, Frauen und Kinder). Am 7.November 1918 wurde der erste Weltkrieg beendet und die Monarchie in Bayern und ganz Deutschland abgeschafft. Aber die Jahre der Zerstörung hinterließen tiefe Wunden.
Hunger und Not ließen sich nicht einfach per Beschluß beenden und der Beginn der monarchenfreien Regierungsform sorgte für neue Probleme. In der Räterevolution fechteten Weiß- und Rotgardisten ihre Machtkämpfe ohne Rücksicht auf die geschundene Bevölkerung aus. Die Arbeiter der Firma Ritter standen unter dem "vermeindlichen Schutz" des Betriebsrat Schüler, der tagsüber mit geladenem Gewehr durch die Fabrikhallen stolzierte und nachts beim Stehlen in der heutigen Oselschule gesehen wurde.
Aber auch diese Zeit ging vorbei und in der Storchenburg wie auch in der Firma Ritter hielt wieder Normalität Einzug. Doch geändert hatte sich schon etwas. Zwischenzeitlich war der rostfreie Stahl entwickelt worden und die Messerputzmaschinen verloren an Bedeutung. Für den genialen Erfinder Ritter war das ledigtlich eine neue Herausforderung, der er sich mit Freude stellte. Zusammen mit seinen beiden Schwiegersöhnen, die ihm seine Töchter Viktoria und Anna beschert hatten, entwickelte er neue Küchengeräte aller Art für Haushalt und Gastronomie. Neben Rettichschneider, Brotschneidemaschinen und Zitronenpressen landete die Firma F.Ritter & Sohn einen "Bestseller" unter den Küchengeräten: Der "Schneidboy" wurde weltweit 10 Millionen Mal verkauft und gehörte lange Zeit zur Grundausstattung einer guten Küche.

Die Jahre vergingen, der Firmengründer Franz Ritter, sein Sohn Franz und auch der Schwiegersohn Friedrich Wisneter verstarben. So übernahm der zweite Schwiegersohn Hans Koch zusammen mit Ritter´s Tochter Victoria die Geschäftsleitung. 1969 verkauften die beiden die Firma, die ein Jahr später von "F.Ritter & Sohn" in "Ritterwerk GmbH" umbenannt wurde. Die Expansion der Firma, die noch heute hochqualitative Küchenmaschinen für den privaten Haushalt herstellt, forderte schon bald einen Standortwechsel und die Firma Ritterwerk GmbH zog 1982 mit fast allen 150 Mitarbeitern nach Gröbenzell, wo sich der Firmensitz noch heute befindet. Beim Besuch der Internet-Präsenz der Firma Ritterwerk und einem Blick in Ihre Küche, könnte Ihnen auffallen, dass vielleicht auch Ihr Multischneider, Fleischwolf oder der Eiscremebereiter ein Produkt der Ritterwerk GmbH aus Gröbenzell ist.

Wahrscheinlich möchten Sie wissen, was eigentlich mit der schönen Storchenburg geschehen ist. Für die Familie Ritter war die Storchenburg während und vor allem nach der Zeit des ersten Weltkriegs und der Räterevolution ein friedliches und schönes Zuhause. Der Obstgarten trug reiche Ernten ein, der Blumen- und Gemüsegarten schenkte der Villa ein entsprechendenes Antlitz. Das Prunkstück war ein angelegter Steingarten, in dem sich Franz Ritter Senior gerne aufhielt und für Fotographen auch mal als Jäger mit Flinte im Anschlag posierte. In Vorhof der Villa stand Sonntags meist eine Pferdekutsche, die das Ganze zu einem Postkarten-Motiv abrundete. Ein Wehmutstropfen in der Geschichte der Storchenburg bleibt allerdings die Tatsache, dass trotz des Storchennestes auf der Turmspitze, nie ein Kind in diesem Haus zur Welt kam und auch nie ein Storch in das Nest einzog.

Leider nimmt die Geschichte der Storchenburg auch ein jähes Ende. 1938, nur wenige Monate nach der Eingemeindung Pasings zu München, stand die Villa den Plänen des herrschenden Hitlerregimes im Weg.

Der Abriß der Storchenburg im März 1939Ohne Pardon, ja sogar unter der abfälligen Bemerkung, es handele sich dabei um kein Baudenkmal, sondern nur um ein Haus, dass in einem "Zeitalter baulicher Irrungen und Wirrungen" entstanden sei, wurde die Familie Ritter mit lächerlichen 80.000 Mark von der Reichsbahn abgefunden und die Storchenburg nach nur 50 jährigen Bestehen komplett abgerissen.

Wer wissen möchte, wo genau sich die Storchenburg befand, der muß sich auf die Terrasse der Pasinger Fabrik stellen und Richtung Süden schauen. Man sieht dann zwar nur Fahrradständer und dahinter die Bahngleise stadtauswärts, aber genau dort stand sie eben, die Storchenburg.

Für das historische Bildmaterial und die geschichtlichen Inhalte danken wir dem Verein Pasinger Archiv e.V., in Personen Herrn Helmut Ebert und Thomas Hasselwander, herzlich.

Haben Sie Fragen zur lokalen Geschichte von Pasing, Obermenzing oder Aubing? Interesieren mehr die Personen, die hier lebten oder bestimmte Gebäude? Schreiben Sie uns.

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